Viele kennen den Michaelistag nur als Namensgeber der Werler Kirmes. Welche Bedeutung er fr├╝her einmal hatte, erfahrt ihr in diesem lesenswerten Artikel von Frau Cantauw vom LWL M├╝nster.

Einigen ist Frau Cantauw sicher noch gut im Ged├Ąchtnis geblieben. Sie hatte 2018 auf einem B├╝dericher Spaziergang in der St.Kunibert Kirche sehr anschaulich ├╝ber die Herkunft alter Winterbr├Ąuche berichtet. Frau Cantauw ist wissenschaftliche Gesch├Ąftsf├╝hrerin der ÔÇ×Kommission Alltagskulturforschung f├╝r WestfalenÔÇť des
Landschaftsverband Westfalen-Lippe

„St. Michael steckt die Lampen an“

LWL-Alltagskulturforscher erl├Ąutern den ersten wichtigen Herbsttermin

Der sogenannte Michaelistag am 29. September war fr├╝her ein wichtiger Stichtag im l├Ąndlichen Jahreskalender. „Mit diesem Termin begann bis ins 19. Jahrhundert hinein die sogenannte ‚H├╝tefreiheit‘, das war ein Gewohnheitsrecht, demzufolge jedermann sein Vieh auf die abgeernteten Felder und Weiden treiben durfte. Fl├Ąchen, die nicht freigegeben waren, mussten gesondert gekennzeichnet werden“, erkl├Ąrt Christiane Cantauw von der Kommission Alltagskulturforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Das Michaelisfest war der erste wichtige Termin im Herbst. Das galt nicht nur f├╝r die Bauern, sondern auch f├╝r die Schulkinder. An Michaelis begann traditionell das Winterhalbjahr in den Schulen. Das war eine Zeit des intensiveren Lernens und Lehrens, die lediglich durch die „Kartoffelferien“ unterbrochen wurde.

Kartoffeln auflesen in den ÔÇ×KartoffelferienÔÇť – seit langer Zeit nur noch als Herbstferien bekannt.

Da in der Landwirtschaft mit dem 29. September die schwere Sommerarbeit abgeschlossen war, war dieser Termin f├╝r Knechte und M├Ągde ideal, um die Stelle zu wechseln. Sie erhielten an Michaelis ihren Jahreslohn. Wer die Stelle wechseln wollte, der tat das jetzt. Angek├╝ndigt war der Stellenwechsel schon seit dem Fr├╝hjahr, damit der Bauer Gelegenheit hatte, sich nach Ersatz umzusehen. Neue Arbeitskontrakte kamen auf Gesindem├Ąrkten, durch Vermittler oder ├╝ber Freunde und Bekannte zustande. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Michaelis als Stichtag f├╝r den Gesindewechsel vielerorts abgel├Âst durch den 1. Oktober. „Im Grunde ging es ja nur um zwei Tage, aber wenn als Gesindewechseltermin nun zunehmend ein Datum aus dem Kalender angegeben wird, dann bedeutete das auch, dass die Heiligentage als Stichtage an Relevanz verloren“, erkl├Ąrt Cantauw. Eine Gew├Ąhrsperson des Archivs f├╝r Alltagskultur aus Holtwick (Kreis Coesfeld) beschreibt diesen Ver├Ąnderungsprozess n├╝chtern: Der Gesindewechsel „war urspr├╝nglich zu Lichtme├č oder Michaelis, wie ich meine. Sp├Ąter wechselte man zum 1. April und 1. Oktober“.

Nicht nur die Knechte und M├Ągde, sondern auch die Hirten und H├╝tejungen erhielten traditionell an Michaelis ihren Lohn. Das war deshalb so geregelt, weil auch die H├╝tearbeit nun allm├Ąhlich zu Ende ging. In der Hoffnung, dass sich die Tiere noch einmal ordentlich etwas anfra├čen, wurden sie auf die abgeernteten Felder und zur Eichelmast in die W├Ąlder getrieben, bevor im November – rechtzeitig vor dem Advent – geschlachtet wurde.

War die Ernte gut, so waren die Scheunen und Keller an Michaelis gut gef├╝llt. Anlass genug f├╝r Heischeg├Ąnge, die den Wohlhabenden Gelegenheit gaben, Gutes zu tun und sich einen Platz im Himmelreich zu verdienen. Urspr├╝nglich waren es wohl die Hirten, die an diesem Termin berechtigt waren, an den T├╝ren um Naturalien zu bitten. An manchen Ort wie Sassenberg (Kreis Warendorf), G├╝tersloh, Rheda (Kreis G├╝tersloh) oder im damaligen Kreis Ahaus ├╝bernahmen Kinder im 19. Jahrhundert diese Tradition, zogen mit einem Lied von T├╝r zu T├╝r und erhielten das ein oder andere St├╝ck Obst daf├╝r.

War die Ernte gut, so waren die Scheunen und Keller an Michaelis gut gef├╝llt.

Michaelis war aber auch als Termin f├╝r Erntefeste beliebt: Wie im Kreis Paderborn, so veranstalteten die Hofbesitzer vielerorts an diesem Termin oder ein bis zwei Wochen darauf ein Erntefest. „Das mit einem Hahn, einer Erntekrone oder einem Zweig geschm├╝ckte letzte Fuder wurde unter gro├čem Hallo auf den Hof gefahren und dann wurde allen, die bei der Ernte geholfen hatten, reichlich eingeschenkt. Ein gemeinsames Mahl, Musik und Tanz rundeten die Feiern ab, die vor allem als Dank an die Mithelfenden ausgerichtet wurden“, so Cantauw. „Diese Feiern sind eng verbunden mit der traditionellen Landwirtschaft, in der viele Arbeiten noch h├Ąndisch erfolgten und man gerade in der Erntezeit auf viele Mithelfer angewiesen war. Als seit der Wende zum 20. Jahrhundert immer mehr Maschinen zum Einsatz kamen, war die Zeit der Erntefeste auf den H├Âfen weitgehend vorbei.“

In der NS-Zeit wurden die Erntefeste in Form von festlichen Umz├╝gen auch zu Propagandazwecken genutzt. Solche Ernteumz├╝ge mit geschm├╝ckten Leiterwagen und Fu├čgruppen in Tracht oder Festkleidung wurden in vielen Orten Westfalens veranstaltet, beispielsweise in Warendorf, Soest oder Hagen. Adolf Hitler besuchte das gro├č angelegte „Erntedankfest des deutschen Volkes“ auf dem B├╝ckeberg bei Hameln, wohin auch Sonderz├╝ge aus Westfalen fuhren. Vor tausenden von Zuschauer:innen wurde das minuti├Âs vorbereitete Programm abgespult, das die Landbev├Âlkerung an das Regime binden und die Volksn├Ąhe des „F├╝hrers“ unter Beweis stellen sollte.

Zu Michaelis wird deutlich, dass die Tage schnell k├╝rzer werden. Deshalb galt das Heiligenfest auch als Stichtag f├╝r den Beginn der Arbeit bei Kunstlicht. Symbolisch brachte man das in der Landwirtschaft durch das Ausgeben von Laternen an das Gesinde zum Ausdruck. „Zu Lichtme├č am 2. Februar wurden die Laternen dann wieder eingesammelt oder in einen Baum geh├Ąngt“, erl├Ąutert Cantauw.

Hintergrund

Am 29. September begeht die katholische Kirche das Fest des Erzengels Michael und aller Engel, das ist bereits f├╝r das ausgehende 5. Jahrhundert belegt. Der Drachent├Âter Michael, der am J├╝ngsten Tag f├╝r das Wiegen der Seelen zust├Ąndig sein soll (Seelenw├Ąger), war seit der Schlacht auf dem Lechfeld (955 n. Chr.) Schutzpatron des Ostfrankenreichs und sp├Ąter des Heiligen R├Âmischen Reichs Deutscher Nation. Auf ihn geht die Rede vom „Deutschen Michel“ zur├╝ck.

Quelle:

Kommission Alltagskulturforschung f├╝r Westfalen
Scharnhorststra├če 100
48151 M├╝nster

Tel.: 0251 83 24404
E-Mail: alltagskultur@lwl.org
URL: www.alltagskultur.lwl.org

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