Das HEILIGE JAHR 2025 neigt sich nun bald seinem Ende zu. Offiziell wird es mit dem Zumauern der Heiligen Pforte im Petersdom in Rom am 6. Januar 2026 beendet. In diesem ohnehin schon besonderen Jahr 2025 erlebte die römisch-katholische Kirche zunächst tiefe Trauer um den verstorbenen Papst Franziskus, dann die Spannung des darauffolgenden Konklaves und schließlich Freude um den neuen Papst Leo XIV. Millionen von Pilgern aus aller Welt waren unmittelbar dabei. Auch eine 50-köpfige Gruppe aus der Propstei-Gemeinde Werl reiste im März nach Rom.
Die Tradition der HEILIGEN JAHRE, geht auf das Jahr 1300 zurück, als Papst Bonifatius VIII. erstmals Pilger nach Rom rief und ihnen im Gegenzug Ablass für ihre Sünden versprach. Seit 1475 wird das HEILIGE JAHR, auch „Jubeljahr“ genannt, regulär alle 25 Jahre gefeiert. Hieraus ist auch die Redewendung „Alle Jubeljahre“ abgeleitet, um etwas zu beschreiben, was man sehr selten erlebt.
Jemand, der bereits sein viertes „Jubeljahr“ erlebt, ist Norbert Theine. Er wurde 1931 in seinem Elternhaus im damaligen Ostbüderich geboren. Ab Herbst 1937 besuchte er die Marienschule neben der Pfarrkirche im damaligen Westbüderich. Mit ihm und anderen wuden 1937 auch Eva Becker aus Budberg und Resi Stern aus Büderich eingeschult. Eva Becker verlor am 7. April 1945, während des Angriffs einer US-Kampftruppe auf Budberg, ihr Leben. Resi Stern, jüngstes Kind der jüdischen Familie Stern, wurde in den 1940er Jahren zusammen mit ihrer Familie in einem NS-Konzentrationslager von den Nazis ermordet.

Das Jahr 1950 wurde von Papst Pius XII zum Heiligen Jahr ausgerufen. Norbert Theine war damals 19 Jahre alt und besuchte jeden Sonntag um 10 Uhr den Gottesdienst in unserer Pfarrkirche St. Kunibert. So auch an Ostern 1950, als Pfarrer Freytag den Gläubigen im vollbesetzten Gotteshaus nach der Predigt mitteilte, dass anlässlich des Heiligen Jahres, im Mai ein Diözesan-Sonderzug nach Rom fahren würde.
Norbert Theine war sich sofort sicher: „Da möchte ich mit!“ An Ostern und den Wochen danach, sorgte seine geplante Pilgerreise für viel Aufregung und Gesprächsstoff bei seiner Familie, Verwandten und Freunden. Reisen war damals etwas Außergewöhnliches, ein Abenteuer. Kaum jemand war bis dahin jemals weiter als bis ins Sauerland gekommen, geschweige denn in ein so fernes Land wie Italien. Unbeirrt informierte sich Norbert Theine im Pfarramt über das weitere Vorgehen. Dann endlich, nach der offiziellen Anmeldung im Paderborner Pilgeramt, erhielt er seine Reiseunterlagen.
Der Informationsbrief zur Reise, enthielt u.a. folgende Details:
- Reisetechnische Buchführung: Dortmunder Reisebüro Gmbh, Dortmund
- Gesamtpreis von und bis Paderborn: 385 DM, einschließlich Taschengeld
- Der Sonderzug, der in Paderborn seinen Ausgang nimmt, steht in seiner Wagenzusammensetzung für die gesamte Hin- und Rückreise zur Verfügung.
- Jeder Wagen ist an beiden Seiten nummeriert. Innerhalb der einzelnen Wagen sind die Abteile nummeriert. Die Platzeinteilung erfolgt in der Form, dass den verehrlichen Teilnehmern ein bestimmtes Wagenabteil zugewiesen wird.
- Fotoapparate dürfen mitgenommen werden. Bei Innenbesichtigungen ist in der Regel Fotografieren verboten. Die Fotoapparate werden in diesen Fällen beim Pförtner hinterlegt.
- Mit Ausnahme von Rom und Assisi, erfolgt die Unterbringung in Hotels und guten Pensionen.
- Alle, mit dem Aufenthalt in Rom zusammenhängenden Fragen, wie Programmgestaltung, Unterbringung u.s.w., liegen ausschließlich beim Deutschen Pilgerbüro in Rom, Piazza Esquilino 38-39. Leiter: S. Hochw. Don Carlo Bayer.
- Eine Erstauszahlung der Taschengelddevisen erfolgt kurz nach Grenzübertritt durch einen Vertreter des Deutschen Pilgerbüros. Der Rest wird durch das Deutsche Pilgerbüro in Rom ausgezahlt.
- Es dürfen 40 DM mit über die Grenze genommen werden, müssen aber bei der Rückkehr wieder vorgezeigt werden.
- Die Pilgerleitung liegt in den Händen des Hochwürden Dr. Dolch, Diözesanpilgerführer, Paderborn
- Ein- und Aussteigen können Sie unterwegs in Soest, Hagen, Finnentrop, Althundem, Weidenau und Freiburg im Breisgau.
In den Tagen nach Ostern hatte Norbert Theine erfahren, dass sich auch einige Werler für die Pilgerreise angemeldet hatten, darunter Hedwig Berens und Willi Halekotte. Aus seiner Büdericher Pfarrei war der 19jährige jedoch der einzige Teilnehmer.

Und so ging es am 2. Mai 1950 mit nicht zu schwerem Gepäck‚ einem extra zu diesem Anlass neu erworbenen Fotoapparat, die Jacken- und Hosentaschen voll mit Fahrkarten, Ausweis und Infos aller Art, frühmorgens los.
Am Bahnhof in Soest traf er weitere, insgesamt sechs Teilnehmer aus Werl, denen er sich anschloss. Und dann fuhr der Zug, von Paderborn aus kommend, in den Soester Bahnhof ein: 13 Wagen Marke Holzklasse, mit Dampflok. Alle Wagen waren gut gekennzeichnet, so dass jeder schnell seinen Platz fand. Nach und nach füllte sich der Zug, vor allem in Hagen, da dort viele Pilger aus dem Ruhrgebiet zustiegen. So auch eine Frauengruppe aus Bochum, die im Wagen der Werler Platz fand und sich ihnen während der gesamten Reise anschloss. Nach der Reise, wurden mit ihnen reichlich Fotos und Erinnerungen ausgetauscht.
Mit im Zug reiste auch der Paderborner Erzbischof Kardinal Lorenz Jaeger, der während der Fahrt ständige Rundgänge unternahm und alle Pilger persönlich begrüßte. Über Lautsprecher kamen nicht nur nüchterne lnformationen zum Reiseverlauf, sondern auch Gebete und Lieder, die von allen mitgesprochen und mitgesungen wurden. Die Stimmung war von aufgeregter Spannung und riesiger Vorfreude geprägt.

In seinem Notizbuch hat Norbert Theine den Verlauf der Reise festgehalten:
21. Mai 1950
Abfahrt pünktlich 13:10 Uhr Ansbach, 15 Uhr Donau bei Ingolstadt, 16.45 Uhr München, die Alpen sind in Sicht, majestätischer Anblick, 18:00 Uhr Oberaudorf, Kiefersfelden, diesseits der österreichischen Grenze, Zughalt! Übernachtung in einer Privatpension.
22. Mai 1950
08:00 Uhr Abfahrt Kiefersfelden, 08:45 Uhr lnnsbruck, 10:00 Uhr Brenner, 10:40 Uhr Weiterfahrt ab Brenner Richtung Süden, rechts oder links der Eisack, vorbei an Franzensfeste und der Domstadt Brixen, Bozen passiert, weiter entlang der Etsch, an Verona 15:10 Uhr, eine südländische Landschaft, Wein- und Obstplantagen, Zypressen, Maulbeerbäume, 4000 Lira erhalten, an Bologna 17:20 Uhr, roter Stein, Appenin-Tunnel durchquert 17:55 bis 18:16 Uhr, an Florenz 19:30 Uhr, an Perugia/Assisi 22:45 Uhr, Ende für heute!
23. Mai 1950
07:10 Uhr Hl. Messe in der Kathedrale des HI. Franziskus in Assisi (Kreuzaltar), danach Frühstück im Hotel Portiunkula, daran anschließend Besichtigung mit Führung in der Kathedrale, Mittagessen im Hotel, danach Verabschiedung von den Gastgebern, Adressen und Einladungen ausgetauscht, herzliches Winken. Späte Ankunft in Rom, Unterbringung im Hotel an der Via Casilina.
24. Mai 1950
07:00 Uhr Hl. Messe in einer Kapelle, anschließend Besichtigungsfahrt Santa Maria Maggiore (Einzug durch die heilige Pforte), Führung durch die Kirche, Colosseum. Nach dem Mittagessen: Römische Wasserleitung, Kirche Santa Sabina auf dem Aventin, Denkmal des Garibaldi, Piazza del Popolo‚ Abendessen mit Erzbischof Kardinal Jaeger.
25. Mai 1950
07:00 Uhr Abfahrt zum Petersplatz, Besuch des deutschen Friedhofs Campo Santo Teutonico, durch die Heilige Pforte in den Petersdom (ohne länger anzustehen). Wenige Meter weiter wurde mir zu meinem Entsetzen von einem Dom-Pförtner mein neuer Fotoapparat abgenommen, wegen Fotografierverbot im Dom. Mir wurde ein Zettel mit Nummer ausgehändigt. An einem Nebenaltar Hl. Messe mit unserem Bischof für die Deutschen Pilger. Noch während des letzten Liedes schlich ich mich aus unserer Absperrung heraus zum Pförtner und dort konnte ich – welch Wunder – meine noch brandneue Kamera wieder einlösen. Hunderte lagen noch da. Ich verließ den Petersdom, kam aber kurze Zeit später unentdeckt wieder zurück (mit meiner Kamera unter der Jacke) und setzte die Besichtigung des Petersdoms mit unserer Gruppe fort. Nachmittags: Besichtigungsfahrt zum Forum Romanum und Pantheon.
26. Mai 1950
Hl. Messe mit unserem Erzbischof in den Katakomben der Domitilla vor den Toren der Stadt, anschließend Fahrt zur Basilika St. Paul vor den Mauern, zum Lateran und nebenan zur Kirche vom Hl. Kreuz von Jerusalem mit Heiliger Treppe.
27. Mai 1950
Letzter Tag in Rom: 09:00 Uhr Papstaudienz im Petersdom mit Hl. Messe, die „Paderborner“ im Mittelschiff rechts in einem für sie reservierten Bereich. Der Dom rappelvoll, auch viele Franzosen sind schon in Rom, denn am nächsten Tag soll hier im Petersdom die Heiligsprechung der Königin Johanna (Jeanne d‘Arc) von Frankreich statt finden.
Nachmittags: Mit dem Omnibus zum deutschen Soldatenfriedhof nahe Pomezia ca. 30km südwestlich von Rom. Etwas weiter südlich von dort, waren am 22. Januar 1944 starke alliierte Trupenverbände gelandet, mit dem Ziel, Rom einzunehmen. Deutsche Einheiten stellten sich ihnen in den Weg. Erst am 23. Mai 1944 gelang den alliierten Truppen der Durchbruch. Bei den Kämpfen starben tausende Soldaten auf beiden Seiten. Die Deutschen wurden bei Pomezia bestattet, auch solche, die im weiteren Umland des alliierten Landekopfes von Anziol/Nettuno gefallen waren. So zählt dieser Friedhof heute rund 15.000 Tote.
Auf der Rückfahrt nach Rom: Stiile im Bus, Trauer und die Fragen: „Warum?“ – „Wofür?“
Aber danach: Fahrt nach Frascati, um von dort aus einen wunderschönen Sonnenuntergang zu genießen. BELLA ITALIA! BELLA ROMA!
28. Mai 1950
Abschied von Rom und Weiterfahrt nach Florenz. Einen Tag Aufenthalt mit Übernachtung im Hotel Milano.
29. Mai 1950
Weiterfahrt nach Lugano (Schweiz). Einen Tag Aufenthalt mit Übernachtung im Parkhotel.
30. Mai 1950
Weiterfahrt über Basel nach Freiburg im Breisgau. Wegen der starken Zerstörungen in der Stadt durch Bombenangriffe im Krieg sind dort keine Unterkünfte verfügbar. Unterbringung in Nachbarorten, ein Tag Aufenthalt.
01. Juni 1950
Zurück nach Paderborn mit Halt an den gleichen Stationen, wie bei der Hinfahrt.
Schließlich Ankunft in Soest und Heimfahrt nach Büderich.
Welch ein Erlebnis!
Nachfolgend einige Reiseimpressionen aus dem Fotoalbum von Norbert Theine.












Diese Pilgerfahrt vor 75 Jahren hat bei Norbert Theine einen tiefen Eindruck und eine lebenslange Faszination für Italien, Rom und das Reisen hinterlassen. Viele weitere Besuche in der ewigen Stadt folgten.
Mit diesem Beitrag wünscht büderich.digital nicht nur allen Büdericherinnen und Büderichern sondern auch denjenigen, die uns aus der näheren oder weiteren Ferne verfolgen eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit und ein gutes neues Jahr 2026.
Bleibt uns treu!
Welch ein schöner Bericht aus der frühen Nachkriegszeit! Da schnuppern unter dem Schirm der Kirche erlebnishungrige Menschen über den Dorfrand hinaus in ferne unbekannte Länder. In einer Zeit, als man die ferne Fremde selbst sehen musste. Fernsehdokumentationen gab es nicht, ebensowenig Internet. In Kinofilmen konnte man Staffagen fremder Länder sehen, in Bildbänden Architektursehenswürdigkeiten. Aber wie das Leben woanders aussah, dazu musste man sich selbst auf den Weg machen.
Der lebendige Bericht lässt den Leser unmittelbar teilnehmen an der Reise. Wie der Erzbischof im Zug alle Pilger begrüßt, wie gebetet und Lieder angestimmt wurden.
Die Tagebuchaufzeichnungen geben einen direkten Einblick in das damalige Erleben. Die Dauer der Tunneldurchfahrt durch den Appenin ist ebenso eine Erwähnung in den Aufzeichnungen wert wie die beunruhigende Beschlagnahmung der Kamera vor dem Petersdom (es herrscht Fotografierverbot im Dom).
Und auch darauf macht der Bericht aufmerksam: Die Erinnerung an die grauenhafte Zeit vorher ist stets präsent. Ob es die den Krieg nicht überlebenden Mitschülerinnen sind oder die Massengräber bei Schlachtfeldern.
Lieber Norbert, ich weiß, wie sehr du die Freiheit und das Abenteuer des Reisens geliebt hast. Wie schön, dass du damals schon die Courage gehabt hast, diese Reise zu unternehmen. Und dass du sie uns jetzt so detailreich mit reichlich Illustrationsmaterial berichtet hast! Herzlichen Dank dafür!